Gold 2010: Hinter den Kulissen – Teil 2
In insgesamt drei Episoden widmet sich Silvior-Chef Hubert Roos der Frage, welche Geschehnisse hinter den Kulissen den Goldpreis zukünftig beeinflussen dürften. Auf die Frage, weshalb Gold in den letzten Jahren so stark an Wert gewonnen hat und sich auch in Zukunft sehr positiv entwickeln wird, werden immer wieder mannigfaltige Gründe und Argumente geliefert. Dazu zählen steigende Rohstoffpreise im Allgemeinen, die Sorge vor einer anziehenden Inflation bis hin zu Ängsten vor einer Hyperinflation, geopolitischen Risiken oder der Angst vor einem Dollar-Crash.
Der erste Teil dieser Serie erschien am vergangenen Mittwoch und kann hier aufgerufen werden.
Episode II
Eine genaue Klärung dessen, was die Zentralbanken im Goldmarkt anstellen, wird erschwert durch zum Teil undurchsichtige Methoden der Bilanzierung ihrer Reserven. Nach den Richtlinien des Internationalen Währungsfonds (IWF) zur Bilanzierung der Goldreserven trifft kaum eine der Zentralbanken eine Unterscheidung zwischen dem Gold, das tatsächlich physisch in den Tresoren liegt und dem Gold, das ausgeliehen ist.
In ihren Jahresberichten behandeln die meisten Zentralbanken ihre Goldpositionen zusammengefasst in einer einzigen Position als „Gold und Goldforderungen“; damit werden Forderungen gegenüber Bullionbanken genau so behandelt wie Gold, das greifbar in physischer Form vorliegt. Erstmals aufgedeckt wurde diese zweifelhafte Methodik von der 1999 gegründeten gemeinnützigen Organisation GATA, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Machenschaften um eine Goldpreisdrückung offen zu legen.
Im Jahr 2000 präsentierte GATA einen Untersuchungsbericht, der diese Tricks erstmals aufzeigte und den Vorwurf erhob, dass die Finanzmarktakteure von den Notenbanken systematisch getäuscht wurden. Nicht nur nach US-Gesetzen ist es illegal, freie Märkte wie den Goldmarkt zu manipulieren und aus diesem Grunde wurden hohe Beamte des US-Finanzministeriums wie auch der damalige Vorsitzende der US-Zentralbank Federal Reserve (Fed), Alan Greenspan, zu diesem Tatbestand vernommen. Klar war natürlich, dass alle Befragten jedwede Art von „Verfehlungen“ abstritten.
Unterstützung erhielt GATA im Jahr 2004 von sehr hoher Stelle aus Russland. Anlässlich einer Rede des stellvertretenden Vorsitzenden der Russischen Zentralbank, Oleg Mozhaiskov, im Juni 2004 vor der LBMA (London Bullion Market Association), dem Verband, zu dem die oben erwähnten und führenden Bullionbanken gehören, sagte dieser: „Viele Menschen kennen mittlerweile die Gruppe von Wirtschaftsfachleuten, die sich in der GATA-Organisation zusammen gefunden haben. … Sie glauben, dass einige hohe Beamte mit Unterstützung einer Zahl größerer Finanzinstitute den Goldmarkt seit 1994 manipulieren. In der Folge fiel der Goldpreis unter 300 USD pro Unze zu einem Zeitpunkt, zu dem der Preis im Hinblick auf die Inflation bei 740 bis 760 Dollar hätte stehen müssen. Ich möchte dazu persönlich keine Stellung nehmen, aber ich möchte annehmen, … dass die wahren Kräfte, welche im Goldmarkt aktiv sind, nichts mit denjenigen zu tun haben, die man in Lehrbüchern über die Preisfindung an freien Märkten findet“.
Das russische Interesse an der Arbeit von GATA wurde dadurch bekräftigt, dass der persönliche Wirtschaftsberater von Wladimir Putin, der Präsident der Akademie für Strategische Partnerschaften und Energiesicherheit Andrey Bykov, an der GATA-Konferenz mit dem Titel „Gold-Rausch 21“ vom 8. bis 9. August 2005 in Yukon, Kanada, teilnahm.
Einer der Auslöser für GATA`s Theorie über die Goldpreismanipulation war die Rettungsaktion im Rahmen der LTCM-Krise. Der Sagen umwobene Hedge Fund LTCM (Long Term Capital Management) hatte ein Aktienkapital von 3 Milliarden Dollar auf 140 Milliarden Dollar Schulden und 1,25 Billionen Dollar in Derivaten gehebelt. Im Zuge der Asien- und Russlandkrisen 1997 und 1998 flog das LTCM-System in die Luft. Es gab starke Gerüchte, wonach der Fonds 300 Tonnen Gold leer verkauft hatte, was einem damaligen Marktwert von 2,9 Milliarden US-Dollar entsprach.
Nur mit Hilfe einer von der amerikanischen Notenbank organisierten Rettungsaktion durch ein Konsortium von 14 Großbanken konnte eine finanzielle Kernschmelze im globalen Finanzmarkt verhindert werden. Das Hauptverdachtsmoment und gleichzeitig der stichhaltigste Fall für GATA im Zusammenhang mit der Goldpreismanipulation war die Ankündigung der Bank von England über den Verkauf von 415 Tonnen Gold im Mai 1999.
Nach GATA`s Ansicht war dies eine eindeutig politisch motivierte Entscheidung, um den Goldpreis zu jener Zeit unter 300 US-Dollar pro Unze zu halten. Die öffentliche Ankündigung des Verkaufs war geradezu eine Garantie dafür, den niedrigsten möglichen Verkaufspreis zu erzielen, denn allen potenziellen Käufern wurde damit bekannt gegeben, dass nun für eine bestimmte Zeit ein Überangebot am Markt herrsche, welches sich negativ auf die Preisgestaltung auswirken würde.
Und es funktionierte tatsächlich. Der Goldpreis kollabierte auf 252 Dollar und die erste Tranche des Verkaufs von 25 Tonnen wurde mit 262 Dollar abgewickelt – 262 Dollar, das sind fast 10 Prozent unter dem Kurs, der kurz vor der Ankündigung gestellt war. Bezeichnenderweise geschah diese Aktion unmittelbar, nachdem eine von der englischen Regierung unterstützte Kampagne der USA unter dem damaligen US-Finanzminister Robert Rubin gescheitert war, welche den Internationalen Währungsfonds (IWF) dazu bewegen sollte, Gold aus dessen Beständen zu verkaufen, um einen Schuldenerlass für Entwicklungsländer zu finanzieren.
Der Britische Premierminister Tony Blair kommentierte den Verkauf damals vor dem Unterhaus mit den Worten: „Wir haben die Aktion sehr sorgfältig geplant und behutsam ausgeführt und wir konnten das bestmögliche für unser Land herausholen.“ Aus Sicht der englischen Bürger und Steuerzahler dürfte das allerdings ein Fiasko gewesen sein, denn der durch die öffentliche Ankündigung verursachte Kursverlust dürfte sich auf gut 2 Milliarden Dollar belaufen haben.
Auch schon in früheren Zeiten hatte es Beispiele gegeben, in denen England den USA zu Hilfe gekommen war, wenn es darum ging, das Bankensystem zu stützen. Beispielsweise versuchte England vergeblich, den USA zu helfen, das marode Bretton-Woods-System Ende der 1960iger und Anfang der 1970iger Jahre am Leben zu erhalten. Zwischen 1958 und 1965 schwankte das Volumen der britischen Goldreserven zwischen 2.000 und 2.500 Tonnen. Zwischen 1966 und 1972 verschleuderte das britische Finanzministerium 1.356 Tonnen in einem fruchtlosen Versuch, den Wert des US-Dollars gegenüber Gold aufrecht zu erhalten. Damals schon wurden die Kosten hierfür der britischen Öffentlichkeit aufgebürdet.
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