Archiv für Dezember 2008
Tom Sawyer
Zur Weihnachtszeit möchten wir den Kunden und Besuchern von SilviOr eine wunderbare Geschichte präsentieren, die mancherlei Parallelen zu unseren Themen rund um Geld, Gold, Silber und andere Besitztümer aufweist. Wir wünschen Ihnen viel Spaß bei der Lektüre von Auszügen aus Kapitel 2 von Mark Twains “Die Abenteuer des Tom Sawyer” und schöne, erholsame Tage.
Der Sonnabendmorgen brach an, und die Welt draußen war klar und sprühte vor Leben und Bewegung. Freude lag auf allen Gesichtern und die Schritte der Menschen schienen leichter beschwingt als sonst. Da erschien Tom auf der Bildfläche. In der einen Hand trug er einen Eimer voll Tünche, in der anderen einen langen Pinsel. Er überschaute den Gartenzaun , und da schien es ihm auf einmal, als wäre aller Glanz aus der Natur verschwunden. Über seiner Seele lag tiefe Schwermut. Fünfzehn Meter Zaunbreite und neun Fuß Höhe! – Fürwahr, das Leben war öde und das Dasein eine Last! Seufzend tauchte er den Pinsel in den Eimer, fuhr damit über die oberste Planke, einmal und noch einmal, verglich das winzige Stückchen des übertünchten Zaunes mit der unendlichen, noch nicht gestrichenen Fläche und – sank entmutigt auf einen Baumstumpf nieder.
Er mußte fortwährend an all das Schöne denken, das er für heute geplant hatte. Bald würden die Jungens, die heute frei hatten, vorbeikommen auf ihren Wegen zu allen möglichen verlockenden Plätzen; und sie würden sich über ihn lustig machen, daß er heute daheimbleiben und arbeiten mußte! Dieser Gedanke brannte ihn wie Feuer. Er leerte seine Taschen und musterte seinen irdischen Besitz: zwei alte Federn, einen Bleistiftstumpf, Murmeln, Bindfaden – lauter Dinge, die höchstens dazu ausreichten, eine fertige Schulaufgabe einzuhandeln, die aber nie und nimmer genügen würden, sich damit auch nur eine halbe Stunde der ersehnten Freiheit zu erkaufen. Resigniert steckte er seine Schätze wieder ein und ließ endgültig den Gedanken fahren, bei dem einen oder dem anderen Jungen Bestechungsversuche zu unternehmen.
In diesem düsteren, hoffnungslosen Augenblick kam ihm plötzlich ein Einfall – ein großer, wahrhaft glänzender Einfall! Er nahm seinen Pinsel wieder auf und machte sich still und emsig an die Arbeit, denn dahinten sah er Ben Rogers auftauchen, gerade den, dessen Spott er am meisten fürchtete. Hopsend und springend näherste sich Ben, ein Beweis, daß er leichten Herzens und voll hochgespannter Erwartungen war. Als er näher kam, pinselte Tom unerschütterlich weiter, ohne ihn eines Blickes zu würdigen. Ben hielt an, dann grinste er: “Aha – Strafe, he?” Keine Antwort. Tom prüfte seinen letzten Strich mit dem Auge eines Künstlers, dann fuhr er mit dem Pinsel noch einmal elegant darüber hin, um mit ebenso kristischem Blick das Resultat von neuem zu überschauen. Ben pflanzte sich neben ihm auf: “Hallo, alter Junge! Mußt wohl heute fest ran, was?” – “Ach du bist`s, Ben! Ich hab dich gar nicht bemerkt.” – “Du, ich geh schwimmen! Willst du mit? Aber nee, du arbeitest ja lieber, was?” Tom sah erstaunt auf. “Was verstehst du eigentlich unter arbeiten?” – “Na, ist das vielleicht keine Arbeit?” Tom tauchte seinen Pinsel ein und sagte nachlässig: “Vielleicht ist`s Arbeit – vielleicht auch nicht! Ich weiß nur, daß es mir Spaß macht!” – “Nanu, du willst mir doch nicht einreden, dass du`s zum Vergnügen machst?” Der Pinsel war ununterbrochen in Bewegung. “Zum Vergnügen? Ja, warum denn nicht? Meinst du vielleicht, es gibt jeden Tag so`n Zaun zu streichen?”
Das ließ die Sache allerdings in einem ganz anderen Licht erscheinen. Ben hörte auf, an seinem Apfel zu knabbern und Tom fuhr indessen mit seinem Pinsel schwungvoll auf und nieder, trat von Zeit zu Zeit zurück, um die Wirkung zu prüfen, tupfte hier und da verbessernd nach, während Ben kein Auge von ihm wandte und alle seine Bewegungen mit fieberhaftem Interesse verfolgte. Endlich sagte er: “Du, lass mich doch mal`n bisschen streichen.” Tom schien zu überlegen und nachgeben zu wollen, aber dann meinte er: “Nee, nee, `s geht nicht, Ben. Guck mal, Tante Polly ist furchtbar pingelig mit dem Zaun – so grade an der Straße, weiß du. Ja, wenns der hintere wär, da wär`s ihr egal und mir auch. Und es ist verteufelt schwer, es richtig zu machen. Und ich wette, dass unter tausend Jungs nicht einer ist, der`s richtig machen kann.” – “Wahrhaftig? Och du, lass mich doch bloß mal probieren! Ich tät dich auch ranlassen, wenn ich du wär.” – “Ben, ich würd`s ja gern tun. Aber sieh mal, Tante Polly … Jim wollt`s schon machen und Sid auch, aber sie hat`s absolut nicht erlaubt. Wenn du nun den Zaun anmalst und `s passiert was dran und … “ – “Ach Quatsch, ich kanns gerade so gut wie du. Loß, lass mich`s mal versuchen – ich geb dir einen ganzen Apfel dafür.” Da reichte Tom ihm den Pinsel hin, Widerstreben im Antlitz, Frohlocken im Herzen.
Und während Ben in praller Sonne schweißtriefend drauflos pinselte, saß der vom Schauplatz abgetretene Künstler behaglich im Schatten auf einer Tonne, verzehrte mit Appetit seinen Apfel und spann listige Pläne, wie er noch mehr Opfer in die Falle locken könne. An Material war kein Mangel, jeden Augenblick strichen Jungen vorüber. Sie kamen, um zu spotten, und blieben, um anzustreichen. Denn als Ben mit der Zeit müde wurde, hatte Tom schon einen günstigen Abschluß mit Billy Fischer gemacht, der ihm einen noch fast unbeschädigten Papierdrachen bot; und als der abtrat, erkaufte sich Johnny Miller dessen Rechte für eine tote Ratte nebst einer Schnur, um sie damit durch die Luft zu schleudern. Und so ging`s weiter – stundenlang. Kaum war die Hälfte des Nachmittags verstrichen, als Tom, am Morgen noch ein armer, besitzloser Junge, sich buchstäblich in Reichtümern wälzen konnte. Außer den bereits erwähnten Dingen hatte er zwölf Murmeln eingeheimst, ferner das Mundstück einer Trompete, eine Scherbe von blauem Flaschenglas zum Durchgucken, eine Garnspule, einen verrosteten Schlüssel ohne Bart, einen Zinnsoldaten, fünf Feuerschlangen, ein Hundehalsband, einen Messerstiel und einen alten, kaputten Fensterrahmen. Außerdem hatte er sich während der ganzen Zeit in angenehmer Gesellschaft famos unterhalten, dabei behaglich gefaulenzt und – der Zaun hatte nicht weniger als eine dreifache Farbschicht bekommen.
Tom fand auf einmal die Welt gar nicht mehr so öde und traurig. Ohne es zu wissen, hatte er ein tief in der menschlichen Natur wurzelndes Gesetz entdeckt, die Triebfeder zu vielen, vielen Handlungen. Um nämlich einem Menschen – sei er nun erwachsen oder nicht – irgend etwas begehrenswert zu machen, braucht man ihm dieses Etwas nur als recht schwer erreichbar hinzustellen. Wäre Tom ein tiefgründiger Philosoph gewesen, so hätte er daraus gelernt, dass man unter “Arbeit” alles versteht, was man tun muß, dagegen unter “Vergnügen” das, was man aus freien Stücken unternimmt. Und es wäre ihm klar geworden, weshalb zum Beispiel das Anfertigen künstlicher Blumen und die Bedienung einer Tretmühle als Arbeit gelten, während man Kegelschieben und die Besteigung des Mont Blanc allgemein als ein “Vergnügen” bezeichnet.
Wenn Ihnen dieser Auszug aus Tom Sawyer gefallen hat, nutzen Sie die ruhigen Tage zwischen Weihnachten und Neujahr zur Lektüre des ganzen Buches – es wird Ihnen ein Vergnügen sein, auch wenn die Geschichten schon fast 130 Jahre alt sind.
Hubert Roos, SilviOr GmbH