Archiv für Oktober 2008

Sommer 2009: Staatsbankrott der USA?

verfasst von Hubert Roos, 22. 10. 2008

Vor nicht einmal 3 Monaten konnte sich kaum ein Politiker, geschweige denn die meisten unserer Bürgerinnen und Bürger in Deutschland vorstellen, dass das globale Finanzsystem an den Rand des Zusammenbruchs geraten könnte, weil seine Hauptsäule USA zusammenstürzt.

Der September 2008 stellt im aktuellen Weltgeschehen einen Einschnitt dar ähnlich wie der September 2001. Niemand konnte ahnen, dass der Einsturz des World-Trade-Centers vor sieben Jahren eine tragische Vorwegnahme des Schicksals der ganzen Nation darstellen könnte. Wahrscheinlich wird der September 2008 in den Geschichtsbüchern  als Ausgangspunkt einer umfassenden weltweiten Krise angeführt werden, obwohl die Wurzeln dieser Krise schon viele Jahre unter der Oberfläche wuchern konnten und möglicherweise das Ausmaß und die Folgen weit schwerer sind als die von 1929.

Der Rettungseinsatz der Euroländer vom 12. Oktober zu Gunsten der internationalen Finanzmärkte war zwar absolut notwendig, um eine Groß-Panik und in deren Folge ein Zusammenbrechen des globalen Finanzsystems in nur wenigen Wochen zu vermeiden. Aber die Welt hat damit vorerst nur einen Aufschub von 3 bis 6 Monaten bekommen. Die gigantischen Summen, die dem globalen Finanzsystem mit dem Ziel der Wiederbelebung des Kreditkreislaufs zur Verfügung gestellt wurden, werden den Staaten im Kampf gegen die Rezession und für die Unterstützung der Realwirtschaft fehlen.

Der vorerst erfolgreiche Rettungseinsatz der Europäer stellt die USA noch weiter ins Abseits als bisher. Die Tatsache, dass die Euroländer andere Methoden ergriffen haben als die, die von Paulson und Bernanke durch den US-Kongress gepeitscht wurden, schwächt die Führungsrolle der USA im Weltfinanzsystem noch mehr. Aus einer Finanz-Führungsnation sind die USA zu einem Land geworden, das anderen nacheifern muss und das damit die lange gehaltenen Kontrollhebel aus der Hand geben muss. Die Welt wartet nicht mehr darauf, was die USA tun, sondern fällt Entscheidungen auf dem Finanzsektor unabhängig.

Momentan kommt den USA das Wiedererstarken des Dollars zugute, doch dieses Phänomen, das von sehr vielen Marktteilnehmern als schwierig zu erklären gilt, ist sicher nur von vorübergehender Dauer. Die aktuelle Dollarstärke hängt neben eventuellen Interventionen zu einem erheblichen Teil mit den abstürzenden Kursen der verschiedenen Anlageklassen zusammen. Viele Investoren (dazu zählen auch wackelige Hedge-Fonds), die weitere Verluste befürchteten oder frisches Geld benötigten, verkauften massiv Anlagen, die in Dollar notiert waren. Für diese Transaktionen, die in Dollar ausgeführt wurden, wurden natürlich Dollars zur Abwicklung benötigt. Aufgrund der Krise und der Angst der amerikanischen Banken vor Insolvenzen ihrer ausländischen Geschäftspartner wurde die Kreditvergabe in Dollar eingestellt und die Investoren mussten Dollars auf dem Devisenmarkt nachfragen, wodurch ein plötzliches Erstarken der schwachen US-Währung stattfand.

Wenn dieses Stadium zu Beginn 2009 durchlaufen sein wird, marschiert die US-Währung wieder in die bekannte Richtung: nach unten. Hinzu kommt, dass sich die alten Muster der Investoren, sich in Krisenzeiten in US-Staatsanleihen zu retten, auflösen. Insbesondere weil die Illusion einer Garantie der US-Regierung für Staatsanleihen nicht mehr viel wert ist. Die Schulden der amerikanischen öffentlichen Haushalte steigen unkontrolliert und raketenartig an. Paulson und Bernanke lassen verlautbaren, dass Washington für jede Bank und jedes Unternehmen einstehen werde, das in die Insolvenz gerate. Und wenn das nicht ausreichen sollte, werden auch noch die privaten Schulden der US-Bürger abgedeckt.

Unabhängige Analysten gehen davon aus, dass zu den bereits bestehenden gigantischen Schulden in den USA bis Sommer 2009 noch einmal 3000 bis 4000 Milliarden Dollar an neuen Staats-Schulden hinzukommen werden. Bei einer so schnell wachsenden Verschuldung und bei gleichzeitig durch die Rezession wegbrechenden Steuereinnahmen, verringert sich die Fähigkeit der US-Regierung, je ihre Schulden zurückzahlen zu können auf nahezu Null. Entsprechend wir der Wert des Dolars und der US-Staatsanleihen sinken. Der Rest der Welt wird dann nicht mehr bereit sein, ein zukünftig jährliches US-Defizit in Billionenhöhe zu finanzieren.

Parallel zu diesen Entwicklungen – aber noch fast unbemerkt von der breiten Bevölkerung – hat der Zusammenbruch der US-Wirtschaft begonnen. Die Gespräche über eine mögliche Fusion von General Motors und Ford oder Chrysler zeigen, das das Risiko einer Insolvenz eines der “Big Three” aus Detroit sehr real ist. Die Immobilienpreis fallen immer weiter und die Aktiernkurse schmelzen “like ice in the sunshine”. Gleichzeitig reduzieren die Banken rigoros ihre Kreditvergabe an alle potenziellen Kreditnehmer – ganz gleich ob Privatpersonen oder Firmen.

Als nächste Bombe werden die Kreditkartenschulden im US-Finanzsystem hochgehen und den letzten Rest Hoffnung aus dem amerikanischen Konsumenten vertreiben, womit dann schließlich keiner mehr übrig bleibt, der irgendwann einmal die unvorstellbaren Defizite der US-Haulshalte ausgleichen könnte. In dem zukünftigen Wettbewerb der Weltregionen um Kapital werden sich die USA hinten anstellen müssen. Seit Jahrzehnten gelang es den USA 80% der Weltersparnisse anzuziehen. Heute – wo sie noch mehr bräuchten – können sie sich glücklich preisen, wenn es ihnen gelingt, noch 40% anzuziehen. Mit Ausnahme des Militärsektors und Coca-Cola gibt es fast nichts mehr in den USA, was einen langfristigen Investor dazu verleiten könnte, sein Geld dort anzulegen.

Somit bleibt der US-Regierung nur noch eine Option: Geld drucken, bis die Druckerpressen glühen. Und eines Tages, nach einem verlängerten Wochenende oder nach einer behördlich verordneten Schließung der Banken und der Börse könnten die Anleger entdecken, dass ihre in Dollar gehaltenen Anlagen und US-Staatsanleihen vielleicht nur noch 10% ihres bisherigen Wertes besitzen. Dann wären viele froh, wenn sie Silber und Gold besäßen.

© Hubert Roos, SilviOr GmbH

Entschuldung auf amerikanische Art

Passend zur aktuellen Diskussion um das “Rettungspaket” der US-Regierung in Höhe von 700 Milliarden Dollar präsentieren wir einen Beitrag aus “Gold-Boom” : Kapitel 11 Entschuldung auf amerikanische Art

Entschuldung auf amerikanische Art

Der bekannte amerikanische Schriftsteller Ernest Hemingway soll einmal gesagt haben: „ Das erste Heilmittel für eine schlecht geführte Nation ist Inflation; das zweite ist Krieg. Beide bringen zeitweiligen Wohlstand; beide führen auf Dauer in den Ruin.“ So wie sich die Lage der amerikanischen Nation im Jahr 2003 darstellte, sah es eindeutig danach aus, dass die USA zu beiden „Heilmitteln“ gleichzeitig griffen. Nach dem noch nicht abgeschlossenen Afghanistan-Feldzug gönnte sich die Supermacht nur eine kleine Verschnaufpause, um dann recht zügig einen neuen Feind, Saddam Hussein, zu attackieren. Und kaum waren die „Hauptkampfhandlungen“ im Irak beendet, waren auch schon die nächsten Gegner ausgemacht, die es zu bedrohen und notfalls auch zu besiegen galt: der Iran und Nordkorea.

Der Grund, weshalb für Amerika ein einziges Heilmittel gar nicht mehr ausreichend erschien, lag in der unglaublichen Verschuldung, dem noch nie in einer solchen Größenordnung da gewesenen Handelsdefizit. Die Tatsache, dass ein offizielles Mitglied der amerikanischen Notenbank öffentlich und laut über die Zerstörung der Landeswährung nachdachte, wurde in ihrer vollen Bedeutung vermutlich noch lange nach dieser Rede des Gouverneurs Bernanke am 21. November 2002 vor dem National Economists Club nicht erkannt. Zumindest wurden seine Ausführungen noch nicht ganz für bare Münze genommen. Wahrscheinlich aber erschien es den meisten viel zu absurd, um zunächst als ernsthafte Bedrohung des weltweiten Finanzsystems angesehen zu werden als er sagte, die US-Regierung habe eine Technologie – die Notenpresse – die es erlaube, praktisch ohne Kosten so viele Dollars zu drucken, wie sie wolle.

Hier handelte sich aber ganz klar um eine ernsthafte Aussage von Seiten des offiziellen Amerika: Entschuldung durch die Gelddruckmaschine. Dies ist historisch einzigartig; noch nie zuvor hatte ein Staat in einer derartigen Form angekündigt, sein Geld entwerten zu wollen und seine Währung zu ruinieren. Der dahinter stehende Gedanke war der, dass man mit einer extrem lockeren Geldpolitik die strukturellen Probleme, die aus den neunziger Jahren ins neue Jahrtausend mit übergesiedelt waren, schnell und nachhaltig lösen könnte. Als letzten Rettungsanker hätte man sogar noch weitere, „unkonventionelle“ Maßnahmen, um den gewünschten Erfolg zu erzielen. Mit diesen unkonventionellen Maßnahmen war in erster Linie der Aufkauf von Staatsanleihen gemeint , der verhindern sollte, dass Deflation entsteht bzw. dass die Inflation zu niedrig würde. Das Schlimme an einer Deflation oder zu niedrigen Inflation wäre ja, dass man seine Schulden tatsächlich mit realem, wertvollem Geld zurückzahlen müsste. Das sollte in jedem Fall verhindert werden, notfalls in der Form, dass die US-Notenbank kurz- oder längerlaufende Staatsanleihen aufkaufen würde und mit neugedruckten Dollars bezahlen würde. Das höhere Dollar-Angebot würde den Greenback schwächen und über gewollt teurere Importpreise den gewünschten Inflationseffekt erzeugen.

Interessant bei diesem Vorgang des Aufkaufens von Staatsanleihen ist der einfache Funktionsmechanismus. Weist beispielsweise das staatliche Budget ein Defizit auf, so beschafft das Schatzamt (Finanzministerium) Geld zur Bezahlung der öffentlichen Ausgaben, indem es Wertpapiere herausgibt. Die potentiellen Käufer dieser Wertpapiere sind private oder institutionelle Anleger aus dem In- oder Ausland, inländische Banken und die Zentralbank des Landes. In vielen Volkswirtschaften ist die Notenbank der wichtigste Käufer von Schatzanleihen und somit wichtigster Kreditgeber. Der Clou bei diesen Geschäften ist nun folgender: Die Schuld des Schatzamtes gegenüber der Notenbank muss nicht wirklich zurückgezahlt werden; sie stellt lediglich eine Forderung einer staatlichen Institution gegen eine andere dar. Daher besteht der endgültige Effekt des Aufkaufens öffentlicher Anleihen durch die Zentralbank darin, dass der Staat ein Defizit eingeht, für das er mit einem erhöhten Geldangebot in Händen des Publikums bezahlt. Da es wenig kostet, Geld zu drucken, kann der Staat Güter und Dienste zu geringen Kosten erwerben. Der Haken an der Sache ist, dass diese sogenannte Monetisierung des Budgetdefizits zu Inflation führt. Das elegante an der Sache ist, dass genau dieser Effekt von der US-Notenbank gewünscht wird. In dem Maße, wie die Notenbank Schatzanleihen erwirbt, finanziert der Staat sein eigenes Defizit durch eine Erhöhung des Geldangebotes.

Die Krönung dieser Methode besteht darin, dass in den USA das Schatzamt zwar Zinsen auf die von der Fed gehaltenen Schuldtitel zahlt, aber diese Zinsen werden von der Fed über Transferzahlungen wieder an das Schatzamt zurückgegeben. Das Schatzamt zahlt nur Zinsen auf die vom Publikum gehaltenen Staatsanleihen, nicht aber auf die von der Fed. Schöner kann Schuldentilgung nicht mehr sein: Schulden werden mit Schulden finanziert, und zwar zum Nulltarif – Entschuldung auf amerikanische Art. Die Risiken und Nebenwirkungen dieser Politik sind allerdings enorm und betreffen nicht nur Amerika, sondern den Rest der Welt.

Sollte nämlich das gutgläubige Publikum mit der Zeit argwöhnisch werden und diese Methode missbilligen, erleben wir eine große Geldpanik. Dann geht es denjenigen gut, die Gold und Silber besitzen.

© Börsenmedien AG Kulmbach 2003: Hubert Roos, “Gold-Boom”

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