Archiv für August 2008
“Jahrhundertkrise”
verfasst von Hubert Roos
Die direkten Vermögensverluste, die den Deutschen bisher durch die US-Finanzkrise entstanden sind, belaufen sich nach Angaben der Deutschen Bundesbank auf mindestens 84 Mrd. Euro – das sind ziemlich genau 1.000 Euro pro Bundesbürger (s. WELT-ONLINE v. 2. 8. 2008). Und das dürfte längst noch nicht alles gewesen sein. Weitere Milliardenverluste werden noch hinzukommen. In einem Beitrag für die Financial Times am 5. 8. 2008 sprach Alan Greenspan, der ehemalige Vorsitzende der Federal Reserve, von einer Krise, wie sie nur ein- oder zweimal im Jahrhundert auftrete.
Tatsächlich steht das amerikanische Finanzsystem vor dem Abgrund, aber die Menschen in unserem Land sollten sich darüber nach Möglichkeit keine unnötigen Sorgen machen. Aus diesem Grund werden wir auch von Schlagzeilen verschont, wenn wieder einmal eine amerikanische Bank Pleite macht. Da ist es auch gut, wenn solche Dinge an einem Freitag passieren, weil diese Nachrichten dann in der Freude über das bevorstehende Wochenende untergehen und am darauf folgenden Montag alles schon geregelt ist. Außerdem gibt es über das Wochenende viel unterhaltsamere Dinge im Fernsehen und am Beginn einer neuen Woche ist die Pleite vom Freitag schon wieder Schnee von gestern.
Um die Illusion vom sicheren System aufrecht zu erhalten und von den panischen Aktionen hinter den Kulissen abzulenken, wird von einer anderen Seite gegengesteuert. Denn wer zunächst glaubte, dass vor dem Hintergrund einer Finanzkatastrophe Gold und Silber einen ungehinderten Aufstieg erleben würden, der wurde enttäuscht. Inzwischen hat es Methode und ist es ist ein wichtiger Bestandteil zur Erhaltung des Systems, dass besonders in Zeiten, wo positive Nachrichten für Gold und Silber (d.h. schlechte Finanznachrichten) angesagt sind, genau das Gegenteil von dem eintritt, was man mit gesundem Menschenverstand erwarten würde. Der Goldpreis fiel seit dem Bekanntwerden der Probleme von Fannie Mae und Freddy Mac um 100 Dollar, während der Dollar stieg: verkehrte Welt.
Zur Unterstützung der maroden US-Finanzen werden die chinesischen und europäischen Hilfstruppen herangezogen. In der Woche nach den verzweifelten Rettungsversuchen der US-Regierung verkaufte das Eurosystem Gold und Goldforderungen in Höhe von 578 Millionen Euro. Das ist das vielfache Volumen einer “normalen” Woche – obwohl die EZB bereits vorher nach eigenen Angaben ihr Verkaufskontingent gemäß dem 2. Washingtoner Goldabkommenfür das laufende Fiskaljahr abgeschlossen hatte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.
Alle diejenigen, die sich momentan darüber ärgern, wie öffentliche und private Milliarden verschleudert werden, dürfen gelassen bleiben. Wenn wir uns nochmals an das große Geldspiel Monopoly erinnern, dann wissen wir, dass am Ende nicht derjenige gewinnt, der am Anfang mit den größten Vermögenswerten jongliert, sondern derjenige, der nicht bankrott geht. Den Bankrott kann man nur vermeiden, wenn man die Spielregeln kennt und wenn man ein umfassendes Wissen über die Märkte besitzt, in denen man tätig ist – im Spiel genau wie im echten Leben.
Die folgenden Text-Passagen aus dem Buch “Gold-Boom” von Hubert Roos aus dem Jahr 2003 könnten damals im Hinblick auf die Situation im Jahr 2008 nicht treffender geschrieben worden sein:
“Der Schlüssel für die Gewinnstrategie in der Schlussphase des Monopoly-Spiels liegt im Häusermangel, nicht im Geldmangel. Geldmangel kann nicht herbeigeführt werden, da die Bank im Monopoly-Spiel niemals bankrott gehen kann. Wenn keine Scheine mehr da sind, kann der Bankhalter zusätzlich Geld herstellen, indem er die Werte auf kleine Zettel schreibt. Aber zusätzliche Häuser kann die Bank nicht einfach produzieren. Das Häuser- und Hotelangebot ist begrenzt und wenn es keine Gebäude mehr zu verkaufen gibt, müssen die kaufwilligen Spieler warten, bis ein anderer seine Häuser an die Bank zurückgibt oder an den meistbietenden verkauft.
Wenn der Häuservorrat bei der Bank zu Ende gegangen ist und ein Mitspieler mit vielen Häusern diese nicht aus der Hand gibt, sind die noch vorhandenen Hotels wertlos. Wenn einem anderen Spieler die vier Häuser auf seinem Grundstück fehlen, kann er nicht in ein Hotel umwandeln. Auch wenn man nicht alle Häuser in seinen Besitz bekommen kann, so bedeutet jeder Hauskauf ein Ausdünnen der Bestände und ein Stück mehr Kontrolle über den Markt. Dann kann ein Gegenspieler statt vier nur noch ein Haus auf seinem grünen Grundstück aufstellen und somit das volle Potential seiner Investition nicht ausschöpfen.
Ein gut gehütetes Geheimnis (s. Kap. Das bestgehütete Goldgeheimnis) oder ein einfacher Trick, den viele übersehen, kann in der Endphase des großen Geldspieles entscheidend sein.
Vielleicht ist es Zufall, dass das Spiel Monopoly in der Zeit der tiefsten Wirtschaftskrise, während der großen Depression im Jahr 1933 entwickelt wurde und bereits im Jahr 1935 zum meistverkauften Spiel in Amerika geworden war. Mit Sicherheit jedoch ist Monopoly kein Zufalls-Spiel. Es erfordert Entscheidungsfähigkeit und Geschick beim Abschließen von Geschäften. Die Tatsache, dass die fallenden Würfel einen nicht unwesentlichen Einfluss auf den Spielverlauf haben, könnte man mit Zufall beschreiben. Man kann aber auch in Wahrscheinlichkeiten denken, weil man rein statistisch vorhersagen kann, wie häufig eine bestimmte Zahl erscheinen wird. Diese Vorhersagbarkeit schaltet den Zufall nicht ganz aus, aber sie reduziert das Gefühl von Willkürlichkeit und stärkt die Rolle der Eigenverantwortlichkeit.
Eine Frage der Eigenverantwortlichkeit ist es auch, wie man mit seinen Vermögenswerten im wirklichen Leben umgeht. Wie im Spiel überlebt nicht derjenige, der in der Startphase das meiste Geld hat, sondern wer in der Schlussphase die richtigen Werte besitzt. Gold war über Jahrhunderte ein geschätztes Zahlungsmittel und spielt auch heute noch eine wichtige Rolle im internationalen Währungssystem. Die riesigen Goldreserven der Zentralbanken bezeugen dies. Die Entwicklung des Goldpreises ist Ausdruck des Vertrauens der Anleger in die Geldpolitik. Um dieses Vertrauen zu erschüttern, bedarf es in der momentanen wirtschaftlichen und politischen Verfassung unserer Welt nur noch eines Auslösers. Angesichts der Vielzahl von bestehenden Risiken ist nicht vorhersehbar, was der Auslöser für eine verheerende Kettenreaktion und weltweite Finanzkrise sein wird – das Platzen der Bond-Blase, das Zusammenbrechen des Immobilienmarktes in den USA, die leeren Rentenkassen, die Überschuldung Amerikas, die Derivate-Bombe oder die sich anbahnenden Währungskonflikte. Sicher ist nur, dass es weder ein Patentrezept noch eine schnelle Lösung für die anstehenden Probleme gibt. Weder einfache Zinssenkungen, noch sonstige Blitzaktionen werden die in Jahrzehnten aufgebauten Ungleichgewichte ins Lot bringen können.
Von wo aus auch immer eine kommende Krise ihren Ausgangspunkt haben wird – New York, Tokio, Frankfurt, London oder Peking – Gold wird wie früher glänzen und als Zuflucht in Krisenzeiten zum Schutz vor Wertverlust und zur Sicherung des privaten Vermögens gefragt sein. Viele private und institutionelle Käufer schenken dem gelben Metall bereits wieder Beachtung und Wertschätzung. Sie haben mit den Vorbereitungen für den Ernstfall begonnen.” (Gold-Boom S. 122 – 123, Börsenmedien AG 2003)
© Hubert Roos, SilviOr GmbH
