Archiv für August 2004

Rohstoff-Boom: Die hungrigen Zwillinge

Jeder kennt das alte Sprichwort: „Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte“. Unter Finanzexperten herrscht immer noch Streit darüber, welcher Megatrend die nächsten Jahre bestimmen wird. Bei der Frage, ob wir in einen neuen Zyklus der Deflation oder der Inflation einsteigen, könnte es sein, dass keiner der Anhänger dieser gegensätzlichen Szenarien Recht behält oder dass jeder teilweise richtig liegt.

Klar ist, dass sich die Finanzmärkte umordnen. Entscheidend für eine erfolgreiche Anlagestrategie ist es deshalb, die Hauptströmung der kommenden Jahre zu erfassen und sich dann in den dazu passenden Anlage-Klassen zu positionieren. Leichter gesagt, als getan! Denn je nach vorherrschendem Szenario entwickeln sich die verschiedenen Investmentkategorien wie Aktien, Anleihen und Immobilen positiv oder negativ. Wie kann man die Zeichen der Zeit erkennen und richtig deuten?

Möglicherweise pendeln die Märkte in der Zukunft über unterschiedliche Zeiträume immer wieder zwischen den grundsätzlich kontroversen Extremen der Inflation und der Deflation. Die Wahrscheinlichkeit, dass sich Finanzmärkte bei ihrer Einschätzung irren, dürfte deutlich zunehmen, da für eine Situation, wie wir sie jetzt haben, keine Erfahrungswerte aus der Vergangenheit vorliegen. Eine unmittelbare Folge daraus könnten ungewöhnlich hohe Schwankungen der Finanzmärkte sein.

Anleger müssen daher zukünftig mehr Zeit und Gedanken in die Entwicklung ihrer Anlagestrategien investieren, um falsche Vermögenspositionierungen zu vermeiden. Die Auswahl optimaler Investments sollte zum Ziel haben, überraschende Marktentwicklungen abzufedern. Dafür müssen die zur Verfügung stehenden Anlageklassen gezielt auf ihre Verhaltensmuster in den verschiedenen Risikobereichen (Inflation, Deflation) überprüft werden. Bestimmte Anlageklassen sollten deutlich untergewichtet werden, andererseits sollten Investmentkategorien, die gegen den Strom schwimmen, aufgenommen werden.

Dazu zählen sicherlich Rohstoffe, auch „Commodities“ genannt. Der Reiz dieser alternativen und bisher von den meisten privaten Investoren nicht genutzten Anlageform liegt vor allem in ihrer Eigenschaft, dass sie sich meist gegenläufig zu den Hauptanlagemärkten verhält. Dies ermöglicht ein ausgeglicheneres Chancen-Risiko-Profil des Portfolios und optimierten, profitablen Kapitaleinsatz.

Rund 20 Jahre lang fielen die Rohstoffpreise und unter diesen Bedingungen wagten sich verständlicherweise nur wenige Investoren an den Sektor heran. In den meisten Depots ist der Rohstoffbereich allenfalls durch Aktien der Ölmultis vertreten. Inzwischen entdecken immer mehr Banken Rohstoffe und Edelmetalle als Kapitalanlage und raten ihren Kunden zum Kauf. Diejenigen, die frühzeitig investiert waren, konnten schon stattliche Gewinne erzielen.

Dennoch ist es für Anleger noch nicht zu spät einzusteigen, denn in der Vergangenheit sind die Rohstoffmärkte alle 20 bis 30 Jahre in eine Hochphase eingeschwenkt, die jeweils viele Jahre dauerte. Ausgehend von charttechnischen Indizien startete der neue Aufwärtstrend für Rohstoffe im Jahr 2001 und zeigt Ausmaße und Dynamik wie in der großen Aufwärtsbewegung der Siebziger Jahre. Hinzu kommt, dass wir aufgrund der wirtschaftlichen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte vor einer Situation stehen, die viele Anleger in ihrer vollen Dimension noch nicht begriffen haben.

Allein Indien und China zusammen beherbergen über 40 Prozent der Erdbevölkerung. Zwei Länder mit 2,5 Milliarden Einwohnern, die Mehrzahl gebildet und strebsam. Sie formen ihre Volkswirtschaften um – von armen Agrarnationen in neue Industriemächte. Aus diesen neuen, riesigen Wirtschaftsräumen werden Abermillionen von Konsumenten die Ressourcen unserer Erde anzapfen.

Seit Mitte der Zwanziger Jahre hat sich weltweit der Pro-Kopf-Verbrauch von Kupfer, Energie, Stahl und Bauholz verdoppelt. Der Zementverbrauch hat sich vervierfacht, ebenso wie die Zahl der Automobile im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Der Einsatz von Kunststoffen hat sich verfünffacht, der Pro-Kopf-Verbrauch von Aluminium versiebenfacht und die Flugreisen pro Person haben sich verdreiunddreißigfacht. In seinem Buch „Wie viel ist genug?“ teilt der Zukunftsforscher Alan Durning die Welt in drei Gruppen ein, entsprechend ihrem Wohlstand. Er nennt sie „Konsumenten“, „Mittelklasse“ und „Arme“.

Die „Konsumenten“ machen etwas mehr als eine Milliarde der rund 6 Mrd Menschen aus. Die meisten von ihnen leben in Westeuropa, Japan und den USA. Die „Armen“ haben ungefähr die gleiche Anzahl, sie leben hauptsächlich in Afrika. Knapp 4 Mrd. Menschen zählt Durning zu der „Mittelklasse“, die in Indien, China und Lateinamerika leben und in Zukunft den größten Hunger nach Rohstoffen haben. Sie entwickeln ihre Volkswirtschaften und werden im Laufe der Zeit ebenfalls zu „Konsumenten“. Der Konsum-Hunger von zwei Ländern wie Indien mit 1,1 Milliarden und China mit 1,3 Milliarden Menschen ist gigantisch.

Bei diesen Perspektiven taucht immer wieder die bange Frage auf, wie lange das exorbitante Wirtschaftswachstum in Asien so weitergehen kann und ob der Boom, vor allem der China-Boom, nicht bald zu Ende gehen wird. Die meisten Beobachter, allen voran die Insider aus der Region sehen langfristig keine Gefahr. Im Gegenteil. Auch wenn es in der Zukunft zu Überhitzungserscheinungen kommen kann, so ist die Asien-Story noch lange nicht vorbei. Der Westen ist in einer sehr prekären Situation, weil China, Indien, Vietnam und andere Länder im Produktionsbereich so stark sind und viele Dienstleistungen ausgelagert werden können.

China und Indien haben über Jahrzehnte hinaus erhebliche Reserven, um ihr hohes Wachstum fortzusetzen. Die Urbanisierung bringt allein in China in den nächsten zehn Jahren über 200 Millionen Bauern in die Ballungsgebiete. Eine Bevölkerung im Umfang von ganz Europa wird umgestülpt und setzt enormes Wachstum frei. Im chinesischen und indischen Hinterland gibt es Provinzen, die teilweise so groß sind wie europäische Staaten, von denen aus noch viele Jahre lang ungezählte Arbeitskräfte in die Wachstumsregionen ziehen werden. Fabriken werden auf absehbare Zeit weiterhin sieben Tage die Woche rund um die Uhr laufen.

Die Grenzen des Wachstums liegen in anderen Bereichen. In China ist Wasser extrem rar geworden, massive Stromknappheit beeinträchtigt vielerorts die Produktion. Der Energiemangel kann nur über Jahre hinweg und nur mit größter Anstrengung behoben werden. China baut seine Infrastruktur massiv aus, um dem Ansturm der ausländischen Investoren Herr zu werden. Die von städtischen Behörden in Planung gegebenen 3800 Industrieparks sollen mit 36000 Quadratkilometern Fläche eineinhalb Mal größer werden als alle urbanisierten Gebiete des Landes.

Die interessanteste Frage ist daher nicht, wie viel Rohstoffe und Energie in Zukunft benötigt werden, sondern zu welchen Preisen die Ressourcen zu bekommen sind. Wenn die Nachfrage steigt und das Angebot abnimmt oder stagniert – die Produzenten können das Angebot innerhalb kurzer Zeit nicht wesentlich erhöhen – müssen die Preise ordentlich zulegen. Bei einer Verdoppelung der Nachfrage würden sich dann die Preise nicht nur verdoppeln, sondern sie würden sich in weitaus größeren Schritten erhöhen.

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